Die gierigen Gerechten

Viele Journalisten berufen sich gerne auf Werte wie Ehrlichkeit, Moral, Ethik oder Gerechtigkeit. Sie sind die Kämpfer der kleinen Leute, die Robin Hoods der Entrechteten. Sie bezeichnen sich als unabhängig, sachlich und neutral. Ihr oberstes Gut ist die saubere Recherche. Aber manchmal geraten die Vertreter der vierten Gewalt ins Wanken, zu mindestens rütteln einigen unverhohlene Mitglieder der Zunft an ihrem Image.

Erkenntnis dieser These: Immer mehr Journalisten nutzen die lukrativen Presserabatte vieler Unternehmen, mit ungeahnten Folgen für alle Pressevertreter. Was jahrelang von vielen Journalisten bei Wirtschaftsbossen zu Recht angeprangert wurde, könnte jetzt wie ein unaufhaltsamer Boomerang die Branche zurücktreffen mit verehrenden Folgen für die Glaubwürdigkeit der Presse. Sind Presserabatte also moralisch verwerflich? Dürfen Journalisten keine Geschenke annehmen? Sind wir nicht alle ein wenig manipulierbar?

Warum Journalisten auf eine andere Stufe stellen, als die Menschen, die sie vertreten sollten?
Das ist wie so häufig die Gretchenfrage. Und die, dass wusste auch schon Goethes Faust, ist nicht immer so einfach zu beantworten. Vielleicht helfen einige Beispiele, um dies alles besser einzuordnen.
→ Air Berlin bietet Journalisten bis zu 50% Ermäßigung auf Langstrecken
→ Bei Audi, Mercedes oder BMW gibt’s 15% auf einen Neuwagen
→ E-Plus, O2, Vodafone, T-Mobile geben bis zu 20% Rabatt auf die monatliche Rechnung
Wer weiterrecherchieren möchte kann dies gerne auf www.pressekonditionen.de tun. Sogar mit Meinungen der Journalisten zu einem Rabatt. Und deren Feedback fällt nicht immer positiv aus. Manch einer ist dort der Meinung, dass die Rabatte der Unternehmen reibungslos funktionieren sollten, um sich nicht dem Zorn der Medien auszusetzen, wenn der Karibikurlaub mal nicht premiumklasse war. Da kann sich durchaus fragen: Geht’s noch? Wo bleibt die viel beschworene Objektivität? Und man kann durchaus sagen, dass fast 90 % der Journalisten schon einmal einen Rabatt genutzt haben, meint Peter Diesler, im NRD-Magazin Zapp. Also alles Heuchler??
Der Beruf Journalist setzt einige strukturelle aber auch moralische Grundannahmen voraus. Und sie müssen, anders als bei anderen Berufsgruppen, besonders bei Journalisten strikt eingehalten werden. Der Journalist in seiner Position als Ankläger oder Richter steht und fällt in seinem Ansehen mit der Einhaltung der allgemeinen Spielregeln. Und in denen muss gelten, dass er sich nicht kaufen lässt um weiter unabhängig und kritisch berichten zu können.
Man muss aber zur Ehrenrettung der Journalistensagen, dass es nur einigen schwarze Schafe gibt, die im großen Stil von solchen Vergünstigungen profitierten. Aber vielleicht würde eine Selbstreinigung helfen. Frei nach dem Motto: Journalisten prangern Journalisten an!

Foto von World Economic Forum



  1. Julia Schläth on Mittwoch 13, 2009

    Ich stimme vollkommen damit überein, dass Journalisten als Meinungsmacher eine gewisse Verantwortung gegenüber ihrer Leserschaft haben, wenn es um Objektivität geht. Andererseits bekommt eigentlich jede Berufsgruppe irgendwo Vergünstigungen oder nützliche und mitunter auch teure Werbegeschenke, deren Geber sie danach öfter mit Aufträgen bedenken oder weiterempfehlen. Das kann genauso den Verbraucher- wenn man es so sagen will- schaden, allerdings ist es nicht nur geduldet, sondern vielmehr natürlich.

  2. Lisa on Mittwoch 13, 2009

    Toller Artikel! Du schreibst echt klasse zwischen Kritik und Humor!

  3. Max Fleischer on Mittwoch 13, 2009

    Hier ein aktueller Beitrag des Medienmagazins Zapp zum Thema Presserabatte für Journalisten:

    http://www3.ndr.de/sendungen/zapp/archiv/ethik_journalismus/presserabatte108.html

  4. Peter Diesler on Mittwoch 13, 2009

    Da Ihr mich zitiert, darf ich ergänzend auf die ausgiebige Diskussionzum Thema “Wie raffgierig (und bestechlich) sind Journalisten” auf Journalismus.com hinweisen: http://www.journalismus.com/_talk/showthread.php?t=17702

    Weiterhin auf unsere Presserabatt Datenbank, die allgemein als die umfangreichste im Internet angesehen wird:
    http://www.journalismus.com/_talk/showthread.php?t=17702

    Schließlich der hervorragende Wikipedia-Beitrag zum Thema:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Journalistenrabatt

    Peter Diesler
    Journalismus.com